Aus unserer Clique hatten sich
vier Jungs im zarten Alter von 19 Jahren entschlossen, ihr erstes
großes Abenteuer im fernen Ausland zu suchen: Nabs (Norbert), Werner,
Wolfgang und Huf (Norbert, der Autor dieser Erzählung) mit zwei
VW-Käfern.
Das besonders Besondere an diesem Abenteuer war, dass zwei andere Jungs
ebenfalls die Idee hatten, nur auf völlig andere Art:
Pit und Mike, ebenfalls in diesem Alter, aber viel zu träge für eine
anstrengende Reise.
Der
Plan dieser zweiten, kleineren Gruppe also: rein in den Flieger, ab
nach Malgrat de Mar an der Costa Brava, dort in ein Hotel, Spaß haben.
Der
Plan der ersten Gruppe: irgendwo hin in den Süden
Spaniens, Spaß haben während dieser Abenteuerfahrt, und am Ziel dann
natürlich auch!
Der Plan beider Gruppen: Treffen am Hotel der zweiten Gruppe in Malgrat de Mar, irgendwann in den nächsten Tagen! Abflug der Fliegertruppe war einen Tag nach unserem Käferaufbruch.
Ich schildere unsere Autoreise aus meinen knappen
Aufzeichnungen, die ich damals anfertigte. Aus dieser Knappheit der
Notizen heraus war es mir sehr oft
nicht möglich, die genauen Standorte der aufgenommenen Bilderzu
rekonstruieren; ich bin aber fast sicher, dass ich alle Bilder in die
richtige Reihenfolge gebracht habe!
Erstens
wurden sie von drei verschiedenen Billig-Kameras aufgenommen, zum Teil
mit den damals üblichen Filmkassetten, dazu auch noch mit Normal- und
Diafilmen. Die Restaurierung dieser uralten Bilder ist mir nicht
überall gelungen, vor allem bei den Dias hatte ich nach einigen Tagen
die Geduld verloren: tausende von Klicks auf abertausende Staubflecken
und sonstigen Fehlern hatten meinen rechten Maus-Zeigefinger zu sehr
geschwächt...
Donnerstag, 3.8.72 - Tag 1

Frühstück auf dem
Parkplatz

Irgendwo in der Schweiz;
meine Freundin ist am Cockpit immer dabei!

Letzte Rast in der
Schweiz

In Frankreich, wie an
der gelben Straßenmarkierung zu erkennen ist;
weiter vorne ist Nabs
ausgestiegen, um sich im Stau die Füße zu vertreten

Abends, zwischen einem
Lavendelfeld und einer Wiese, etwa 20 Kilometer vor Montpellier:
Einstimmung auf die Nacht.
Gitarrenhalter: Huf
(also ich); Strohhuthalter mit Radio: Werner; dazwischen Wolfgang


Raus aus den
Schlafsäcken, ihr Schlafmützen!
Hat euch der
Lavendelduft eingenebelt?
Es ist schon 6 Uhr, und
wir wollen doch weiter, oder?

Nabs jubelt als erster:
wir sind am Mittelmeer angelangt!
Ich (rechts) war so
emotional bewegt, dass ich fast vom Rücken meines Käfers abgerutscht
war...
Leider hatte Werner mit
dem Foto nicht gewartet, bis wir alle in Siegerpose
auf den Dächern standen.
Wegen gigantischem
Verkehrsaufkommen sind wir auf winzige
Landstraßen ausgewichen und haben dabei mexikanisch anmutende
Landstriche durchfahren, wie man sie aus Westernfilmen kennt:
ausgedörrt und steinig, menschenleer und nur äußerst spärlich bewachsen.
Diese
Gegenden haben Wolfgang und mir ausgeprägt gut gefallen, wir hätten
gerne mehr davon gesehen; aber Nabs und Werner wollten weiter - so
schnell wie möglich an unser Ziel: das Hotel der beiden Kumpels.

Badepause in einem Bach
einer kleinen Schlucht


Mein Käfer auf dem Weg
zur spanischen Grenze
Clever
mitgedacht: da das Benzin in Spanien teuer war, füllten Werner und Nabs
kurz vor der spanischen Grenze deutsches Benzin ein.
Weniger clever: ohne
Schlauch für den riesigen Kanister dauerte die Betankung mit
dem kleinen Kochtopf ziemlich lange...

Oft hatte Nabs
Schwierigkeiten mit dem Anlasser seines Käfers:
da halfen nur einige
Hammerschläge auf den Magnetschalter, und der Starter funktionierte
wieder!

Pause in Spanien

Durch winzige Dörfer;
hier bei unseren vielen Personenwechseln
mal Wolfgang im Auto von
Nabs

Links: die Abzweigung
nach Malgrat. Rechts: Begrüßungstrunk am Hotel unserer
Kumpels, die dafür
eine Flasche Schampus
kaltgestellt hatten!
So waren wir also
wohlbehalten in Malgrat
de Mar angekommen, das gleich
neben dem bekannteren Lloret
de Mar liegt. Pit und Mike zeigten uns
ihre Unterkunft und das Hotelgelände mit Pool, das sie seit ihrer
Ankunft vor zwei Tagen noch kein einziges Mal verlassen hatten...
Schließlich sind es ja gut 250 Meter bis zum Strand; und wenn man einen
Pool vor der Haustür hat: warum soll man dann im Urlaub die Strapazen
eines solch langen Fußweges auf sich nehmen?
Für uns vier Naturburschen war eine solche Denkweise völlig
unverständlich!
Da
es schon recht spät geworden war, machten wir uns
nach einer Plauderstunde auf den Weg, einen Platz für die Nacht zu
suchen, während sich die beiden Kumpels fein machten für die Nacht in
der Disco. Und selbstverständlich fanden wir auch eine tolle
Schlafgelegenheit: unten am Meer gab
es einen Bootsverleih, der seine Prachtsücke auf dem Strand in eine
Reihe aufgestellt und zur Sicherheit mit Scheinwerfern
beleuchtet hatte. Wolfgang und ich wollten uns dort niederlassen, aber
Nabs und Werner war das zu haarig, mitten in dem Licht, und blieben
lieber weiter oben, in der Nähe der Straße.

Was wir nicht wussten: in
Spanien ist das wilde Campieren
streng
verboten, im Gegensatz zu Frankreich! Werner und Nabs erfuhren das als
erste, weil sie von einer Polizeistreife entdeckt wurden! Wolfgang und
ich hatten das erst am nächsten Morgen mitbekommen, als wir unsere
Kumpels wieder sahen, denn uns hatte die Policia nicht entdeckt: die
Scheinwerfer leuchteten nämlich vom Strand weg, so dass man von der
Straße aus in sie hinein schauen musste und deshalb keine Einzelheiten
im Schattenbereich erkennen konnte!
Nabs als Besitzer seines alten VWs konnte das aber recht gut hinbiegen:
er demonstrierte, dass der Anlasser-Schalter nicht funktionierte und
die beiden also auf den nächsten Morgen wartern mussten, um eine
Werkstatt um Hilfe bitten zu können. Was die Policia natürlich nicht
wusste: Nabs hätte ja einfach wieder einmal mit dem Hammer auf den
Magnetschalter des Anlassers klopfen müssen, wie weiter oben schon
erwähnt... So sind die zwei glimpflich davon gekommen!

Sonntag,
6.8.72 - Tag 4
Frühmorgens haben wir im
und am Meer
herumgetobt. Von den Kumpels hatten wir uns schon am Vorabend
verabschiedet, weil die beiden nach langen Disconächten sowieso nie vor
dem Mittag in die Gänge kamen; zu dieser Zeit aber erreichten wir schon
Barcelona:
eine irre Stadt! Wir
bekamen allerdings nur Eindrücke von recht weit oben, weil die
größtenteils sechsspurige Stadtautobahn etwa in Höhe der sechsten oder
siebten Stockwerke durch die Hochhausschluchten führte! Eine grandiose
Aussicht und natürlich eine erhebende Erfahrung war das aber
allemal.
Knapp hinter Sitges
machten wir eine Pause und beratschlagten über das weitere Vorgehen,
weil Werner und Nabs offensichtlich andere Reisewünsche als Wolfgang
und ich hegten: die einen wollten so schnell wie mglich so weit wie
möglich in den Süden, die anderen wollten es lieber gemütlicher angehen
lassen und dabei die Gegenden intensiver erfahren.
Also trennten wir uns einvernehmlich und gutmütig!
Nabs
und Werner rasten im grünen Käfer weit entfernten Zielen entgegen,
während Wolfgang und ich hier erst einmal Station machten.
Montag,
7.8.72 - Tag 5


Wir suchten uns ein Plätzchen am Strand, badeten, dösten, fuhren
Schlauchboot. Zu Mittag gab es Bratkartoffeln mit Rührei; da wir Salz
vergessen hatten, würzten wir einfach mit Meerwasser! Nachmittags
erkundeten wir die Umgebung, kauften etwas Lebensmittel ein und machten
es uns an unserem Plätzchen wieder gemütlich.
Während wir so da saßen und die Kerne einer Wassermelone duch die
Gegend spuckten, hatte ich wieder einmal die Organisation von Ameisen
bewundert: diese hier waren weit größer als die bei uns zu Hause, und
so konnte ich sie auch viel besser bei ihrer Arbeit erkennen. Nachdem
eine oder zwei Späher einige Kerne entdeckt hatten, eilten sie
irgendwohin, um die Arbeiterinnen zu informieren. Diese wiederum
folgten den Spähern, schnappten sich die Kerne, die im Vergleich riesig
groß zu ihren Körpern waren, und trugen und zerrten die schweren
Brocken durch das unwegsame Gelände. Immer, wenn andere Ameisen
dazustießen, wurden kurze Informationen ausgetauscht, und die
Neuankömmlinge eilten in die Richtungen, die ihnen von den Kolleginnen
übermittelt wurden.
Manchmal, wenn sich eine Emse im Urwald des Grases fast verfangen hatte
und ihre Beute kaum noch weiter zerren konnte, drang mich mein
Samariterherz zur Hilfe: ich ebnete den Weg, indem ich Gräser
plattdrückte oder winziges Geäst beiseite legte; und ich freute mich,
wenn die Schwerstarbeiterin ihren Weg etwas leichter fortsetzen konnte!
Faszinierend, dieses Volk.
Am Abend bekamen wir Besuch von einem Polizisten, der
unmissverständlich mit heftigen Worten und Gebärden ausdrückte, dass
wir hier verschwinden
sollten! Ich stolperte: "Una noche, prego! Solamente hasta mañana,
prego!" ("Eine Nacht, bitte! Nur bis morgen, bitte!") und machte dabei
ein liebes Gesicht und faltete bittend die Hände. Schon nicht mehr so
streng dreinschauend fragte er nach: "Una noche?" - "Si, si!"
- "Okay! Buenas noches!" meinte er dann, jetzt sogar
freundlich lächelnd ("Gute Nacht!") Es folgten noch einige Worte, die
ich etwa so interpretierte: "Ich komme morgen früh vorbei und schaue
nach!"
Wolfgang schaute mich völlig perplex an und meinte: "Ich wusste gar
nicht, dass du spanisch kannst!" - "Ich auch nicht!" grinste ich.
Mir war schon kurz nach der Grenze aufgefallen, dass ich viele Worte an
Geschäften, an Werbeplakaten oder den Seitenflächen der LKW verstehen
oder zumindest erahnen
konnte. Das lag wohl daran, dass ich Latein und Französisch gelernt und
mich ja auch schon mit dem Italienischen angefreundet hatte; diese
Sprachen weisen in ihren Grundzügen starke Ähnlichkeiten auf. Fortan
achtete ich bewusst darauf, geschriebene Worte und Sätze zu verstehen
und auch
Menschen zuzuhören, um ein Gefühl für die Aussprache zu bekommen; das
machte mir richtig viel Spaß!

Dienstag,
8.8.72 - Tag 6

Recht früh aufgestanden
wollten wir heute einmal wieder richtig Strecke
machen: unser erklärtes Tagesziel war Valencia.
Dabei mussten wir Tarragona
durchqueren, eine recht große Stadt. Ein Aquädukt aus römischer Zeit,
das - kurz vor der Stadt gelegen - die Jahrhunderte überdauert hatte,
ließ
uns die gigantische Baukunst der alten Römer mit offenen Mündern
bestaunen: unfassbar, was diese Archtikten vor eineinhalb Tausend
Jahren
dorthin gestellt hatten - und dass es heute immer noch steht! Und das
alles nur, um Wasser über ein Tal fließen zu lassen...
Aquädukt


Eine
Serviette, die ich nach dem
Snack natürlich nicht benutzte, sondern mit Tesa ins Album klebte...
Nach dem Aufenthalt in Tarragona wollten wir es eigentlich fliegen
lassen, aber immer wieder drängte uns unsere Neugier von der Strecke
ab,
wenn wir das Gefühl hatten, es gäbe abseits etwas zu vermissen:


Dadurch schafften wir es nicht bis Tarragona, sondern nur bis kurz
hinter Sagunto,
wo wir in inzwischen stockdunkler Nacht ein Quartier für unser Gefährt
suchten. Der selten doofe Huf steuerte zwar in die richtige Richtung
des Meeres, versenkte aber die Karre im Sand des Ufers...
Es war völlig unmöglich, den bis zu den Achsen eingesunkenen Käfer zu
befreien; auch mit den Fußmatten nicht, die wir als Rutschbremse vor
die Hinterräder legten! Also ließen wir uns vor dem Auto
nieder
und wollten den nächsten Morgen abwarten, und dann - ja, da hatten wir
allerdings keine Ahnung, was dann geschehen würde...
Der tumbe Huf
vor seinem Auto, dessen Trittbretter platt auf dem Sand liegen...
Nach
einem Umzug hinter das Auto, weil es kühler wurde, der Motor aber noch
Wärme abstrahlte, hatten wir plötzlich das Gefühl, dass es doch Wunder
gibt: zwei Nachtschwärmer englischer Herkunft schlenderten am Strand
entlang und lachten erst einmal, wie wir da so hilflos im Sand steckten!
Dann
aber ließen sie sich gerne auf einen Plastikbecher Moscatel einladen,
und wir überlegten gemeinsam, wie wir die Karre wieder aus dem Dreck
ziehen könnten. Fazit: in dieser Nacht hätte das keinen Sinn mehr; sie
wollten aber gerne morgen mit ihrem Mietauto wieder kommen und
versuchen, uns mit einem Abschleppseil heraus zu kriegen!
Nach
einem Erinnerungsfoto mit uns beiden Pechvögeln und vielen
Gute-Nacht-Wünschen zogen sie davon, und wir beide hatten nicht den
geringsten Zweifel, dass sie am nächsten Tag wieder erscheinen würden...

Anmerkung: diese "Ami-Jacke", die
ich hier anhabe und die mich viele Jahre lang begleitete (bekleidete?),
habe ich ich fast 40 Jahre danach immer noch! Ein fast unverwüstliches
Teil, und außerdem das zweitälteste Kleidungsstück, das ich noch habe,
mit
sehr vielen Erinnerungen behaftet... Okay, die Jacke spannt zwar etwas
am Bauch und an den Schultern, aber wenn ich reinschlüpfe, fühle ich
mich um viele Jahre zurück versetzt! Nostalgie pur...

Donnerstag,
10.8.72 - Tag 8
Erfreulich! Die beiden Engländer tauchten wirklich am Vormittag auf,
und sie schafften es wirklich, uns zu befreien!
Im
Tageslicht erkannte ich, dass ich einen felsigen Teil des Strandes nur
um gut drei Meter verfehlt hatte... Von dort zogen uns die beiden
heraus.
Danach zogen wir ab nach Valencia, das ja nicht mehr weit
entfernt lag.
Eine palmengesäumte Straße entlang und über eine Brücke eines
verdorrten Flusses - und schon waren wir da: in Valencia!


Erster Eindruck: recht hässlich; oder, sanfter ausgedrückt:
ungemütliche Großstadt.
Zweiter Eindruck: ausgestorben! Kaum Autos unterwegs, umher
schlendernde Menschen schon gar nicht!
Nächstes Gefühl: nagender Hunger!
Wir suchten verzweifelt nach einem Supermarkt oder wenigstens einer Art
Kiosk; nix, gar nix!
Schließlich kam uns die Erkenntnis, dass jetzt Siesta sein musste:
deshalb die verödeten Straßen!
Aber deswegen könnte doch irgendwo ein Lebensmittelgeschäft sein, auch
wenn es um diese Mittagszeit geschlossen wäre?
Kaufen denn die Valencianer nichts ein, wenn sie keine Siesta halten?
Sehr dubios...
Wenn wir ein Geschäft gefunden hätten, dann hätten wir vor den Türen
gerastet, bis sich die Türen wieder geöffnet hätten!
Endlich entdeckten wir an einer Straßenecke in der Nähe des Hafens eine
Art "Lokal", und das hatte geöffnet! Also nix wie rein.
Drinnen: hell und freundlich, aber klein und leblos.
Nach
gut vier Minuten tauchte jemand auf, offensichtlich völlig erstaunt,
dass jemand zu dieser Tageszeit die Dreistigkeit hatte, die allgemeine
Siesta zu stören. Etwas verschlafen wirkend, legte uns der junge Mann
mit einem knappen "buenos dias" eine Speisekarte auf den kleinen,
runden weißen Plastiktisch und verzog sich wieder in den Hintergrund.
Ich hatte das Gefühl, dass er dabei ein leicht höhnisches Grinsen im
Gesicht hatte...
Man hat ja schon gehört, dass in exotischen
Ländern die Speisekarten nicht nur in der Landesprache geschrieben
sind, sondern ebenso exotische Zutaten in eben diesen Speisen enthalten
sind! Deswegen wurde mir ganz mulmig: erstens verstand ich natürlich
nicht ein einziges Wort auf der Karte, und zweitens hatte ich
mordsmäßig Angst, dass sich dabei allerlei Tierzeugs aus dem nahe
gelegenen Meer befinden könnte: darauf reagiere ich nämlich äußerst
ungehalten; im günstigsten Fall mit spontaner Magenentleerung,
sofern ich nur den Hauch eines Fischgeschmacks auf der Zunge habe!
Also: was tun? Wolfgang verstand natürlich überhaupt nichts; weder die
Karte noch meine Aversion gegen Fischiges.
Ich
nahm meinen ganzen Mut zusammen, während mein Magen gefährlich durch
das kleine Lokal knurrte, und bestellte in fließendem Spanisch
"Dos
platos del turistico del dia" ("Touristenteller des Tages";
in meiner
sprachlichen Genialität machte ich aus einem Teller zwei, damit
Wolfgang in den gleichen, zweifelhaften Genuss kommen musste). Ebenso
fließend ergänzte ich aus meinem Bauch heraus: "...y dos cerveza,
prego!"
(schlicht und ergreifend: "...und zwei Bier bitte!").
Die
beiden Biere kamen zuerst und machten nicht besonders Mut: schal
und warm, auch geschmacklich in "unter aller Sau" einzuordnen.
Als allerdings die "Platten" ankamen, trauten wir unseren Augen kaum:
Zwei
schneeweiße Porzellantellerchen, auf denen sich je drei Stück "Dinger"
befanden, die sich in ihrer dunklen Farbe angenehm von ihrem Untergrund
abhoben, nur dadurch aber überhaupt zu erkennen waren; sie
waren
einfach viel zu klein für den kleinen Teller!
Als Beilage gab es Messer und Gabeln.
Vor
lauter Staunen konnte sich keiner überwinden, mit der Gabel in diese
Herrlichkeiten zu stechen, die für mich aussahen wie Seeteufel, Seeigel
und Seespinne. Natürlich nur jeweils ein Scheibchen von diesen
ausgesuchten Leckereien.
Wolfgang
stach als erster zu und Schnitt ein winziges Stück ab: "Jaaa!" jubelte
er, "das schmeckt nach gar nix!" Bei den anderen beiden Proben
unterschieden sich seine Begeisterungsausrufe nur unwesentlich vom
ersten. Also langte auch ich zu - und ich musste wohlwollend gestehen,
dass ich etwas, das offenbar aus dem Meer kommt, noch nie in einer
solchen Geschmacklosigkeit genießen durfte!
Erst als mich
Wolf darauf aufmerksam machte, dass die Beilagen wahrscheinlich nicht
zum Menü gehören, wurde mir bewusst, dass meine hungrigen Zähne
versuchten, die Griffe des Bestecks abzunagen.
Die Flucht
aus diesem Schlemmerlokal führte uns durch die immer noch leer gefegten
Straßen in eine Gegend gleich um die Ecke, wo wir das Meer mit seinen
enorm aufbrausenden Wellen bewunderten, die gegen tausende von
Steinblöcken vergeblich anschlugen: diese wurden offensichtlich völlig
willkürlich hierhin "geschüttet", um dem Drang des Meeres zur Eroberung
des Küstentreifens entgegen zu halten.
Hier entdeckten wir Taschenkrebse, die wie wild in der Brandung der
Steinbrocken herumtobten - oder vor ihr Zuflucht suchten?
Und hier machten wir eine Dummheit, die ich mir bis heute nicht
verzeihen kann! Ich
schäme mich, dass ich eine solche Grausamkeit begangen habe; aber sie
gehört nun mal zu meinem Leben, und ich will sie nicht verbergen:
Die Taschenkrebse hatten es uns angetan, wir wollten unbedingt einen
als Souvenier mit nach Hause nehmen; also begaben wir uns auf die Jagd!
Die
Krebse waren wesentlich schlauer und flinker als wir zwischen den
Steinbrocken; es schien, als grinsten sie uns hinterhältig an, während
sie sich in die Brandung stürzten. Wir bemerkten aber, dass alle, auch
die kleineren, ihr Heil im Sprung nach unten suchten. Also holten wir
unsere Plastikbecher und hofften, dass wir vielleicht einen im Flug
auffangen können. Unsere Überraschung war äußerst groß, als wir schon
bei den ersten Versuchen einige kleine Krebse erwischten: es schien,
als würden sie direkt in den Becher zielen!
Bis
auf je einen für uns entließen wir sie wieder in die Freiheit, und
diese beiden einen mussten dran glauben - aber wie? Wir wollten sie ja
in einem Stück nach Hause bringen, also würde ein Genickschlag nicht
das Richtige sein; und außerdem: wo hat ein Krebs ein Genick?
Die
Lösung: ersäufen! Ja! Natürlich nicht in Wasser, sondern in unserem
starken Moscatel; das würde ihnen hoffentlich sehr schnell die Sinne
rauben, vor allem, wenn wir das gute Gesöff vorher noch etwas anwärmten.
Wir
stellten zwei weitere Becher auf das Autodach, füllten sie zur Hälfte
mit dem Wein und warteten, bis die Brühe warm wurde. Dann kippten wir
die zwei armen Burschen hinein, je rund drei Zentimeter klein (nur der
Panzer) und warteten, bis sie alkoholisiert einschlafen würden. Später
könnten wir sie leicht in der Sonne trocknen.
Die Tierchen
müssen Alkoholiker oder sonstwie resistent gegenüber dem Wein gewesen
sein: sie hörten und hörten nicht auf, in der warmen Alkoholsuppe herum
zu strampeln! Völlig ratlos standen wir daneben und diskutierten, wie
wir der Qual ein schnelles Ende bereiten könnten, für eine Rettung war
es eh schon zu spät; aber wir hatten keine Idee.
Endlich, nach vielen langen, langen Minuten der Verzweiflung - auf
beiden Seiten! - erstarben die Bewegungen in den Bechern und damit auch
die Leben in den kleinen Panzern...
Lange
Zeit waren wir nicht imstande, die Becher auszuleeren; wir standen nur
herum, schauten uns schuldbewusst an oder aneinander vorbei...
Ich
bin sicher, das war die größte Grausamkeit, die ich in meinem Leben
einem anderen Leben zugefügt habe; ich bedauere das außerordentlich und
schäme mich dafür in Grund und Boden!
Noch heute ruhen die in filigrane Stücke zerbrochenen Reste in
einer kleinen Filmkapsel in meinem "Erinnerungs-Setzkasten"; ich habe
es nie fertig fertig gebracht, diese Bruchstücke
einfach wegzuwerfen! In meinem jugendhaften Trieb hatte ich ein Leben
auf grausame Weise beendet; die Chininbruchstücke des kleinen Kerls
sollen mich allzeit an diese Untat erinnern...
Wir beschlossen, dass Valencia südlich genug sei und wir uns wieder
nach Norden orientieren sollten.
In der Nähe von Sagunto
fanden wir einen Zeltplatz, wo wir das erste
Mal in diesem Urlaub mein Zelt aufbauten. Danach stürzten wir uns in
die Fluten und wurden von den knapp zwei Meter hohen Wellen regelrecht
überrannt: irre, solche Wasserberge! So etwas gab es bei unseren
Wochenenden an den heimischen Baggerseen nur in unserer Fantasie...
Erstmals
das Zelt aufgebaut

Freitag,
11.8.72 - Tag 9
Gammeltag auf dem Zeltplatz bei bewölktem Himmel; ab und zu leichter
Regen.
Die frisch gewaschene Wäsche trocknete aber trotzdem.
Samstag,
12.8.72 - Tag 10

Recht früh am Morgen, als
wir uns noch in den Schlafsäcken im Auto
befanden, bekamen wir schon wieder Besuch von der Polizei: Zwei strenge
Beamte machten uns klar, dass wir sofort weiterfahren sollten! Wildes
Camping ist strikt verboten!
So ganz verstanden wir das nicht: im Auto schlafen ist doch kein Campen?
Also zischten wir ab nach Malgrat de Mar, dem Hotelort unserer Kumpels,
der ja nur etwa 10 Kilometer
weit entfernt war.
Gegen Mittag stolperten unsere beiden Kumpels aus dem Hotel, wie es
schien, leicht übernächtigt! Wir verbrachten etwa zwei Stunden
damit, gegenseitig unsere Erlebnisse zu schildern, was
Wolfgang
und mir ziemlich bald auf den Senkel ging: von den beiden Kumpels
war kaum etwas anderes zu hören als Schilderungen ihrer Disconächte und
der danach erschöpften Gänge zum Hotelpool, frühestens um ein Uhr
mittags...
Seltsam erschien uns auch, dass sie von den Mädels immer nur solche
Sachen erzählten wie "No, Pedro! No Michele!" Und sie lachten sogar
noch dazu... Verrückte Welt.
Wolfgang
und ich wollten den Ort und die Umgebung zu Fuß zu erkunden; unsere
Hotelboys meinten dazu, dass sie doch im Urlaub keinen unnötigen und
anstrengenden Fußweg unternehmen könnten, schließlich seien sie zur
Erholung hier!
Na ja, Urlaub sieht halt für jeden anders aus...
Nach
einem Rundgang um den Ferienort herum entschieden wir, dass das Umland
nicht besonders einladend ist, und so erkundeten wir den Ort selbst: In
den hintersten Winkeln war Malgrat noch sehr ursprünglich; einfache
Steinbauten, die nicht nur Wohnstätten beherbergten, sondern auch
Einkaufsmöglichkeiten aller Art. Viele dieser kleinen, aber sehr
heimeligen Geschäfte hatten wohl kaum Touristen als Kunden: schließlich
wurden die Hotelgäste mit bekannten Leckereien aus der jeweiligen
Heimat verwöhnt... Verrückte Welt.
Wir beide jedoch, -
neugierig und weltoffen - , probierten hier und da, ob für unsere
Gaumen etwas Passendes dabei war; und wir waren immer wieder erstaunt
über die kleinen Köstlichkeiten, die so fremd und doch so lecker
schmeckten! Auch an einem Sonntag wie diesem war so gut wie jedes
Geschäft geöffnet.
An einem Häuschen, das wie eine Felswand
aussah, wurden wir von einem jungen Mädchen vor einem Eingang
angelockt, der eher dem Zugang zu einer Grotte glich als einer Tür in
das Innere eines Gebäudes: "Degustar, prego! Com in! Probiere! Vino,
Licor, Snaps!" Mit diesem Kauderewelsch hielt uns die hübsche Kleine
zwei winzigen Plastikbecher entgegen und lockte uns ins Innere:
Dieses
Innere stellte sich tatsächlich als ein Grotte heraus, aber eine, die
man gekonnt ausgebaut hatte und den Inhalt wirksam zur Schau stellte:
An
den felsbrockenen Wänden waren knapp zwei Meter hohe Regale angebracht,
die in einem Halbrund eine Unzahl an alkoholischen Getränken
präsentierten: ganz links fing es an mit Schnäpsen aller Art; danach
kamen Reihen von Whyskies, und den überwiegenden Teil der Wände nahmen
Weine ein - alles sehr adrett in Reihen gestellt
und von den klaren Getränken bis zu den dunklen Varianten der
einzelnen Arten geordnet! So etwas Ansprechendes habe ich seitdem nicht
mehr gesehen.
Wolfgang und ich ignorierten sofort die äußere
linke Seite mit dem härteren Zeug und wendeten uns den Weinen zu, die
zwei Drittel der Regalwände einnahmen: Hier und da ein Schlückchen,
dort auch noch eines, und jenes und dieses aber bitte auch noch! Bei
jeder neuen Probe bekamen wir ein neues Becherlein; wir fürchteten
fast, dass dem hübschen Mädchen die schnapsglaskleinen Plastikdinger
ausgehen würden, währen wir hier eine regelrechte Probier-Orgie
feierten!
Schließlich
- und endlich! - brachen wir die
Testerei ab, weil wir einfach nicht mehr weiter testen konnten... Aus
einem glückseligen Dank heraus kauften wir jeder sechs Flaschen
verschiedener Weine und versprachen, dass wir am nächsten Tag noch zwei
Freunde hierher bringen würden. Wir hätten dies wahrscheinlich nicht
gemacht, wenn die Preise nicht so unergründbar günstig gewesen wären!
Nach dieser "Verköstigung" wollte ich um das Häuschen herum gehen, aber
das klappte nicht:
Nicht
etwa, weil meine mittelschwere Benebelung die Orientierung störte,
sondern weil dieser traumhafte Laden tatsächlich in einer Felswand lag!
Wir
beide waren völlig begeistert und sinnierten, dass man so etwas auch in
Mannheim auf die Beine stellen könnte. Die Idee scheiterte aber bald
darauf, als wir feststellen mussten - nach langem, langsamen
Nachdenken, wohlgemerkt - , dass wir in Mannheim eher selten natürlich
gewachsene Felswände haben, und Grotten schon mal gar nicht...
Schwer
bepackt mit Taschen und auch im Geiste etwas schwerer als
sonst
lieferten wir unseren Einkauf in meinen zwei Käfern ab,
legten
uns zwei Stunden direkt daneben in den Sand und machten uns nach dieser
kleinen Ernüchterungsphase auf, den Schatten dieses plötzlich
wieder einen Käfers zu verlassen und unsere Hotelkameraden aufzusuchen,
was recht schwierig war: immerhin war es erst kurz nach Mittag, und die
beiden pennten noch.
"Was macht ihr denn heute Abend?"
"Jo, wie immer: ab in die Disco neben dem Hotel und abfeiern, wir sind
ja immerhin im Urlaub!"
"Wann komt ihr in der Regel zurück?" fragten wir.
"Oha! Selten vor vier Uhr morgens!" lachten sie.
Wir
beide: "Das passt doch! Um diese Zeit stehen wir auf und suchen unsere
eigenen Abenteuer. Dürfen wir bis dahin euer Zimmer benutzen?"
Absolut ungewöhnlich für uns:
Wir
badeten im Hotelpool, sonnten uns an dessen Rand und duschten
danach auf dem Zimmer ausgiebig. Wir testeten schon mal die
Betten: sie
waren nicht zu vergleichen mit dem Sand unter unseren Schlafsäcken, der
ein völlig anderes Schlafgefühl bietet; und außerdem würde die
aufgehende Sonne fehlen, die einen aus dem Schlafsack kitzelt.
Von dem
kleinen Balkon aus genossen wir einen gigantischen Ausblick aus dem
siebten Stock: links massenhaft andere kleine Balkone, nach unten und
oben; gegenüber das gleiche Bild; rechts aber der irre Blick auf den
Pool und noch ein Stückchen weiter rechts wieder diese traumhaften
Balkone! Stundenlang hätten wir hier verweilen können...
Wenn ich nicht links auf etwa gleicher Höhe zwei Mädels auf
einem Balkon entdeckt hätte!
Forsch
winkten wir hinüber und setzten unser fröhlichstes Lächeln auf in der
Hoffnung, dass die beiden das auch in dieser Entfernung wahrnemen
konnten. Sie winkten zurück und, sofern wir das aus etwa dreißig Metern
richtig interpretierten, lachten sie dabei und stupsten sich
gegenseitig an!
Solchermaßen ermutigt machte ich Zeichen, ob wir
uns nicht unten in der Lobby treffen könnten und versuchte dabei, so
unaufdringlich und sympatisch zu wirken wie es nur irgend ging; (ganz
ich selbst also). Etwas scheu, wie uns schien, stimmten sie zu.
Unten
entdeckten wir zuerst, dass wir in unserem Outfit nicht so ganz zu den
anderen Hotelgästen passten, aber das war uns so ziemlich wurscht.
Danach entdeckten wir die zwei Blondinen, die etwa in unserem Alter
waren und noch recht hübsch dazu! Etwas verlegen standen sie dort
herum, und ich - Selbstbewusstsein heuchelnd - schlenderte mit Wofgang
im Schlepptau auf sie zu; immer um ein freundliches, nicht aufdringlich
wirkendes Lächeln bemüht.
Höflich begrüßte ich die beiden in fünf Sprachen: "Guten Abend, buenos
tardes, bon soir, buona sera, good evening!" -
und ich lächelte dabei so herzlich und doch höflich wie es ging in
meiner Aufregung;
Wolfgang stand irgendwie betreten neben mir und brachte kein Wort
heraus, lächelte aber ebenfalls in bester Bemühung.
Es
stellte sich schnell heraus, dass die Mädels Engländerinnen waren und
erst vor drei Tagen hier ankamen. Ich lud uns alle zu einem
Strandspaziergang ein, und alle waren einverstanden! Jetzt bekam ich
ein
dickes Lob: mein Englisch sei sehr gut, meinten die Blondies einhellig.
Kurz
vor dem Ausgang meinte eine der beiden enttäuscht: "O, it is raining
outside!" - wobei sie unglaublich schön die Worte in einem Akzent
betonte, den ich besonders mag: "raining" genau so ausgesprochen, wie
es
geschrieben wird!
Mist, es regnete wirklich! Uns beiden
Naturburschen wäre ein Spaziergang im Nieselregen am Meeresufer entlang
romantisch vorgekommen, aber den Mädels in ihren zarten Kleidchen wohl
eher nicht.
Also disponierte ich kurz um und schlug vor, einen
unserer besten Weine mit auf ihr Zimmer zu bringen, dort
könnten wir ja
ganz gemütlich etwas plaudern! Völlig baff vernahm ich die Antwort:
"Klar, sehr gerne!"
Um an dieser Stelle sämtlichen
Spekulationen die Fantasie zu nehmen: Wir verbrachten einen sehr
angenehmen Abend zusammen, bei dem ich immer den Dolmtescher spielen
musste - was aber sehr viel Spaß machte, weil Wolfgang versuchte, sich
mit Händen und Füßen auszudrücken! Ja, wir hatten viel Freude
an
diesem Abend, aber mehr auch nicht: schließlich war ich ein treuer
junger Mann, auf den ein hübsches und liebes Mädel zu Hause wartete...
Und wenn ihr denkt, dass ich hier schwindle, dann denkt es halt...
Ob
die Mädels erfreut oder enttäuscht waren über diesen Ausgang des Abends
kann ich nicht sagen; jedenfalls hatten sie aber ebenso viel
Freude
wie wir!

Montag,
14.8.72 - Tag 12
Unsere Kumpels Pit und Mike schmissen uns nicht am frühen Morgen aus
ihren Betten, sondern wir verzogen uns schon vorher!
Im
Sonnenaufgang genossen wir ein ausgiebiges Bad im Meer, obwohl es recht
frisch war - zumindest an der Luft, die vom Regen der vergangenen Nacht
noch feuchtschwanger über dem Strand hing; das Wasser aber war herrlich
warm, oder es erschien uns jedenfalls so, im Vergleich zu der kühlen
Luft.
Nach einem ausgiebigen Frühstück am Strand beschlossen
wir, hier noch etwas in unseren Schlafsäcken zu dösen und dann den
Hoteljungs eine Überraschung zu bereiten!
Ich gestehe an
dieser Stelle gerne, dass ein Bett in einem Zimmer - selbst wenn es in
einem Hotel ist - unschlagbare Vorteile hat; zumindest, wenn es draußen
regnet. Aber diese drei Stunden an diesem Strand waren, wie auch die
meisten Nächte in diesem Urlaub, durch nichts zu ersetzen:
Die
Freiheit fühlen und riechen und den Duft des Meeres auf der Zunge
schmecken; kleine Sandbuckel unter dem Schlafsack spüren und sie mit
Körperbewegungen zu einer kuscheligen Kuhle formen; etwas Tau in den
Haaren aufnehmen und auf der Nasenspitze spüren; das Rauschen
der
Wellen hören und gleichzeitig als Reflexionen am und im Körper
wahrnehmen; während des einschlafmüden Blickes die Pracht des
Sternenhimmels in die Seele brennen: Natur pur erleben!
Ein
eigentlich unbeschreiblicher Traum, den ich in diesem Urlaub noch
intensiver erleben durfte als an den vielen Wochenenden an den
heimischen Baggerseen.
So etwas nenne ich Freiheitstraum, Leben mit und in der Natur, oder
einfach nur: Leben an sich!
Am
späten Vormittag erzählten wir unseren Kumpels von der Grotte mit den
vielen Getränken, und die Kumpels trommelten sofort noch andere
Hotelbewohner zusammen! So zogen Wolfgang und ich eine Rotte von gut 12
Leuten hinter uns her und überraschten damit das nette Mädchen, das
heute von ihrem Vater begleitet wurde. Die Hotelmenschen probierten und
kauften wie die Wilden; als Dank dafür bekamen wir beide noch je eine
Flasche Wein, und zusätzlich füllten wir unseren Vorrat auch noch mehr
auf: nochmals je vier Flaschen kauften wir ein!
Nach einer
Weile zog die Gesellschaft ziemlich erheitert in Richtung Hotel ab, und
wir uns nach Abschied von unseren Hotelknaben in Richtung Frankreich.

Dienstag,
15.8.72 - Tag 13

...Wolfgang in den Klippen!
Am Abend ließen wir uns an dem breiten Kiesufer eines schmalen
Flüssleins zur Nacht nieder; hier entdeckte ich zum ersten Mal, dass
meine kleine Kamera einen Selbstauslöser hatte! Wolfgang positionierte
die Knipse auf dem Gepäck des offenen Kofferraumes, schaffte es aber
nicht mehr rechtzeitig, vor dem Auslösen noch eine fotogene
Schlafstellung einzunehmen:

Einige Zeit später wurde es so empfindlich kühl, dass unsere
Schlafsäcke anfingen zu zittern!
Wir
beschlossen deshalb spontan und in völliger Einigkeit, uns in den Käfer
zurückzuziehen, den Motor eine Weile laufen zu lassen und damit auch
die Heizung.
Aber, aber... Ja, gleich zwei Abers!
Zuerst
wurden wir beim Öffnen der Türen von einem Schwall Alkoholgeruch fast
umgehauen! In der Dunkelheit konnten wir kaum etwas erkennen, aber
erfühlen: hinten drin war es recht feucht... O nein! Oder doch?
Ja,
doch!! Mindestens zwei Flaschen Wein waren ausgelaufen! Wir hatten
unsere Beute einfach nicht richtig genug stoßfest gelagert...
Im
Feuerzeugschein konnten wir einen der Übeltäter finden: meinen ach so
geliebten, teuersten Wein, den ich mit meiner Freundin zum Wiedersehen
an einem kuscheligen Ort zu Hause öffnen wollte! Ein fast schwarzer
Malaga war es, weich wie Likör und von einem Geschmack, der Träume wahr
werden lassen konnte! So einen edlen Trunk genießt man in winzigen
Gläschen, jedes Wochenende zwei Stück zu zweit - jetzt hatte er sich in
unseren Klamotten versteckt, die wild durcheinander lagen im hinteren
"Raum", den ich schon lange vorher durch das Herausnehmen der
Rückenlehne immens erweitert hatte: "Kuschelzone" nannten meine
Freundin und ich diesen Teil...
Der Rest des edlen Malaga! Das
konnte ich nicht nach Hause bringen,
also: weg damit auf die
Zunge und mit Wehmut an künftige schöne Zeiten
gedacht...
So, das war also das erste Aber! Jetzt folgt das zweite:
Der Motor lief, aber es wurde nicht warm, obwohl die Heizungsklappen
(mittels Seilzügen) weit geöffnet waren.
Siedendheiß
- oder in diesem Fall eher eiskalt - fiel mir ein, dass ich ja die
Heizungsschläuche schon Anfang des Sommers von den Zuführungsschächten
trennen musste, weil die Heizung nicht abzuschalten war! Sowas kann
nämlich echt lästig sein: draußen knapp 30 Grad, und drinnen noch 20
mehr, weil dir die Heizung einen bläst ohne Ende... Im Fußbereich, wo
die Heizluft ausströmt, hast du dann das Gefühl einer Saharawanderung,
barfuß natürlich, also um die 70 Grad..
Wolfgang
begleitete mich mit meinem Feuerzeug unter das Auto; ich fand
die
abgeklemmten Schäuche, die ich vorsorglich gut befestigt hatte, damit
ich sie nicht verlieren würde - und konnte einen davon nicht
lösen!
Ich riss wie wild an dem rechten Schlauch, und er gab nach! Mit dem
Erfolg, dass ich ein Loch hineinriss... Egal.
Auf
der linken Seite hatte ich völligen Erfolg: offenbar hatte ich hier
schlampig gearbeitet, denn der Schlauch ließ sich problemlos abnehmen
und wieder in die Zuführung stöpseln.
Wieder im Auto drin
tat ich so, als würden wir permanent 80 km/h auf einer gemütlichen
Straße fahren, und es ergab sich eine Wirkung: auf meiner linken Seite
wurde es mollig warm; auf Wolfgangs Gastfahrerseite eher weniger, da
der beschädigte Schlauch seine Warmluft an das Kiesbett abgab, was
erstens dem Kiesbett wohl völlig egal war, und zweitens für uns
Insassen ebenfalls absolut sinnlos erschien.
Aber immerhin wurde es wärmer hier drinnen!
Nach
gut fünfzehn Minuten der gedachten Raserei auf der gedachten Landstraße
stellte ich den Motor ab; wir schlüpften in unsere Säcke und
versuchten, es uns auf den Vordersitzen so bequem wie möglich zu
machen: die "Kuschelzone" war ja zwischen den Klamotten angefüllt mit
diversen Getränken, und außerdem ziemlich feucht - und stank in der
warm gewordenen Luft doppelt so stark! Dummerweise waren aber auch
unsere Schlafsäcke leicht angetränkt...

Mittwoch,
16.8.72 - Tag 14
Säuberungsaktion an einem
winzigen spanischen RioIm
Handschuhfach suchte er, sogar im Aschenbecher und unter den Radkappen
und den Innenseiten der Stoßstangen; aber er konnte kein Haschisch
finden, nach dem er offensichtlich - freudig angespannt? - suchte.
Etwas enttäuscht und irgendwie argwöhnisch ließ er uns endlich durch,
nach Frankreich.
Etwa 30 km vor Marseille
übernachteten wir am Rande eines kleinen Flugplatzes mit
daneben liegendem Lavendelfeld.

Donnerstag,
17.8.72 - Tag 15
Ein
Bummel durch den Hafen von Marseille, den ich nur mit Schwierigkeiten
fand, offenbarte sich uns erstmals im Leben die beeindruckende Größe
echter Seeschiffe, vor allem Frachter, auch aus Übersee! In Valencia
gab es zwar auch einen recht großen Hafen, aber wir sind nie dicht an
solche Schiffe herangekommen. Schwerstens staunend liefen wir durch die
Hafenanlagen, die für uns ein einziges Chaos darstellten. Der Mangel an
Bildern erklärt sich damit, dass ich Depp die Knipse nicht mit einem
neuen Diafilm aufgeladen hatte, und in den Hafenanlagen fand ich
seltsamerweise keinen Filmverkaufsladen... Dafür fanden wir aber noch
einen kleineren, hübschen Yachthafen.

Unser
Auto wieder zu finden, war allerdings eine riesige Glückssache! Wir
waren ja fast verrückt geworden wegen der uns umgebenden Größe, und
keiner hatte daran gedacht, sich den Straßennamen zu merken, wo wir
unser Käferchen außerhalb des Hafengeländes geparkt hatten!
Marseille selbst erwies sich als viel zu groß, um dort auch noch
herumzustöbern. Allerdings fanden wir ziemlich mühelos einen tollen
Schlafplatz kurz hinter dieser Riesenstadt, wo es am Ufer einigermaßen
ruhig war. Nach dem Auffüllen unserer Vorräte in recht teuren
Lebensmittelgeschäften verbrachten wir dort einen gemütlichen Abend,
wieder einmal im Freien: ich dachte in dieser Nacht, dass es mir
schwerfallen würde, wieder innerhalb von Mauern schlafen zu müssen,
ohne Sternenhimmel über und Sand unter mir!

Der
Wind war gegen Abend dermaßen heftig geworden, dass wir Schutz an einem
Hügel suchen mussten, damit unsere Schlafsäcke nicht aufgeblasen wurden!
Kurz
vor Toulon

Samstag,
19.8.72 - Tag 17
Hinter San Raphael,
ein Stück hinter Toulon, haben wir am Nachmittag einen fast luxuriösen
Zeltplatz gefunden und schon zum zweiten Mal in diesem Urlaub unser
Zelt aufgebaut! Jetzt war auch wieder Relaxen angesagt, also Urlaub vom
Urlaub: Badespaß im Meer, Wanderungen in der felsigen Gegend, wieder
Baden. Dann die Pflicht: Wäsche waschen. Danach wieder Spaß beim Baden
und abends ein riesig dickes Omelett gebacken mit frischen Tomaten und
Pilzen drinne, dass die Alupfanne fast überlief!
Sonntag,
20.8.72 - Tag 18
Rückfahrt in Richtung Toulon weil Wolfgang seine Freundin auf einer
kleinen, vorgelagerten Insel besuchen wollte; leider konnte er den
Knatsch, den die
beiden vor ihrem getrennten Urlaub hatten, nicht beilegen;
ganz im
Gegenteil!
So übernachtete ich mit
einem ziemlich geschlagenen Wolfgang und geschätzten 1000 Schnaken auf
dieser Halbinsel, was mich fast den Verstand kostete: Ich hatte ja seit
einem kleinen Abenteuer an einem heimischen Baggersee
eine fast panische Angst vor diesen Blutsaugern entwickelt! (Diese
Geschichte kann man an anderer Stelle nachlesen: Waldsee 1970).
Montag,
21.8.72 - Tag 19

Da das Teil noch einigermaßen dran hing, beließen wir es dabei.
Dienstag, 22.8.72 - Tag 20
Wir
wollten schon aufgeben und eine Werkstatt suchen, als wir noch einen
letzten Versuch wagten: auf Kommando sprangen wir zu zweit
mit
aller Macht drauf, und endlich resignierte der Kotflügel der rohen
Gewalt: unter der Verschraubung gab er einen Riss frei, und somit das
Trittbrett ebenfalls!
Verschämt und unserer Sünde
durchaus bewusst versteckten wir das Ding tief im Gebüsch mit dem
Versprechen, nächstes Jahr mit einer Säge wieder zu kommen, um es dann
auf einem Schrottplatz umweltgerecht zu entsorgen; zum Mitnehmen war
das Teil einfach viel zu lang! Solchermaßen gewissensberuhigt steuerten
wir wieder auf die Grenze zu, jetzt aber mit einem anderen schlechten
Gewissen wegen der Schmuggelware im Heck...
Der
gleiche Zöllner wie zuvor begrüßte uns nicht gerade freundlich; aber
als er auf die Seite sah und das wacklige Trittbrett nicht mehr
vorfand, erhellten sich seine grimmigen Gesichtszüge merklich: so, als
sei er stolz, uns eine Lektion erteilt zu haben! Nach unserem
Aussteigen guckte er hinten rein und wühlte kurz in dem
Müllhaufen
aus unseren Urlaubssachen; aber als er spürte, dass es dort irgendwie
feucht war, hatte er wohl keine Lust mehr! Ja, es ist wirklich traurig,
dass flussgewaschene Sachen in einem Auto einfach so schlecht
trocknen... Aber zum Glück auch nicht mehr nach Alkohol stinken.
So konnten wir also unbehelligt mit unseren übrig gebliebenen 13 l Wein
den Weg durch
die schöne Schweiz antreten.
Immer
wieder lüftete einer von uns während der Fahrt und bei
offenen
Fenstern unseren Waschberg, und so konnten wir am Ende des Genfer Sees
zwischen Evian
und Montreux
in trockenen Tüchern im Auto übernachten; im Freien hatten wir
ausnahmsweise kein gemütliches Plätzchen entdeckt!
Ach ja: wer sich schwer vorstellen kann, dass man zu zweit in einem
Käfer gemütlich nächtigen kann, dem sei Folgendes erklärt:
Die
Lehne der Rückbank fehlte ja, wie schon irgendwann zu Beginn erwähnt.
Wenn man dann die Vordersitze ganz nach Vorne schiebt und die
Lehnen nach Vorne klappt, dann die Bodenlücken zwischen
Vorder-
und Rücksitzen mit möglichst weichem Zeug füllt (z.B. einem fast
luftleeren Gummiboot, falls gerade nichts anderes da ist), ergibt sich
eine komfortable Schlafstätte, wobei die Rückenlehnen der Vordersitze
als Kopfstützen dienen!
An
meinem linken Handgelenk erkennt man schwach ein Lederband, das ich von
einem Klassenkameraden 1966 geschenkt bekam und das ich seitdem
-
und auch noch viel später - bei jedem kleinen und großen Abenteuer
trug.
Es ist eines der wenigen Erinnerungsstücke, das aus meiner Jugendzeit
übrig
geblieben ist; hier ein Bild aus dem Jahr 2011:

Danach ging es schnurstracks nach Zürich,
wo wir geschlemmt haben wie die Weltmeister, um (fast) unsere
restlichen Franken loszuwerden:
Zuerst
wollte man uns nicht reinlassen in das Speiselokal der unteren
Oberklasse, das wir uns ausgesucht hatten, um unseren Urlaub mit einem
kulinarischen Höhepunkt abzuschließen: nachdem wir aber unsere
Schlapphüte und die Ami-Jacken im Auto verstaut hatten, rümpfte zwar
der Tür-Ober immer noch etwas die Nase wegen unseren zerknitterten
T-Shirts und
den langen Haaren um die unrasierten Gesichter, ließ uns aber dennoch
eintreten; vielleicht erwartete er eine Sensation, wenn die Gammler
anschließend in den Knast abgeführt wurden?
Freunde, ich schwöre euch: in diesem recht noblen Laden wurden wir an
einen Tisch direkt am riesigen Fenster geführt,
das uns Ausblick auf den See gewährte. Die Blicke der meist recht
vornehm gekleideten Leute durchbohrten uns fast, und wir gaben den
Anschein, inkognito hier zu sein, um uns im gewöhnlichen Volk zu
amüsieren... Ganz gelungen war uns das wohl nicht, aber die
Speisekarte wurde uns dennoch mit ausgesuchter Höflichkeit vorgelegt.
Wir
bestellten einen recht teuren Wein, (wozu eigentlich? Wir hatten ja
genügend im Käfer!), und ernteten dafür schon skeptische Blicke des
Tisch-Obers: 'Sehen die so aus, als ob sie das bezahlen wollen?'
Der
exzellente Wein - tuchummantelt, natürlich - wurde zur Geschmacksprobe
eingeschenkt und das Etikett der Flasche dabei deutlich gezeigt. Nach
unserem gönnerhaftem Nicken wurden die beiden Gläser gefüllt. Allein
das war die ganze Reise wert: halbzerlumpte Abenteurer, die seit drei
Wochen fast ausschließlich im Freien übernachtet und aus Blechnäpfen
gegessen hatten, wurden wie angesehen Gäste bedient!
Nach
dem georderten Essen, das so exzellent war wie der Wein, winkten wir
zaghaft dem Ober. Der kam, um seine Rechnung darzulegen, aber wir
enttäuschten ihn: eine Runde Schaumkaffee sollte es noch sein!
Während
des Kaffees, mehreren Zigaretten und Toilettengängen, heckten wir einen
teuflischen Plan aus: Denen wollen wir es zeigen, den vornehmen
Pinkeln, die uns nur aus irgendwelchen unverständlichen Emotionen
heraus hier gewähren ließen!
Ich winkte dem Ober, diesmal
etwas forscher; der kam auch gleich mit seinem Rechnungsblock. Ich
winkte aber wieder ab und meinte, dass es sehr freundlich wäre, wenn er
die gleichen Gerichte noch einmal bringen würde: Was mein
geschätzer Freund vorher hatte, möchte ich jetzt, und
umgekehrt! Dieses Gesicht hätte ich fotografieren müssen....
Aus den umliegenden Tischen kam leises Gelächter, und nachdem der Ober
seine Verblüffung überwunden hatte, musste er ebenfalls grinsen!
Diese Schlemmerorgie kostete uns zusammen knapp 50 Franken, zu der Zeit
rund 55 DM.
Satt bis zur Oberkante schleppten wir uns in den Käfer und gondelten
weiter bis zum Rheinfall, in dessen Nähe wir im Auto übernachteten.

Freitag,
25.8.72 - Tag 23

Eine kleine Anekdote gibt
es noch:
Beim Auspacken des Autos zu Hause krabbelten da eine Menge Ameisen
herum, die sich offenbar während unserer "Strandung" aus dem Sand über
das Trittbrett ins Auto geschmuggelt hatten! Den "Alkoholunfall", die
Säuberung und
die lange Reise hatten sie sichtbar gut überstanden, und so schnippste
ich sie, - sofern sie nicht willig waren -, in einen mit Laub
gefüllten kleinen Eimer und ließ sie am Waldrand, an dem wir wohnten,
wieder springen. Was die wohl nach dieser enormen Umsiedlung empfunden haben nögen?
Angeschnitten: Pit; Huf busselt Freundin; rechts WolfgangNachsatz:
Am Montagmorgen nach der
Rückkehr, als ich zu meiner Lehrstelle fahren
wollte, muckte der Käfer nur ganz kurz und wollte dann nicht mehr:
Getriebe kaputt! Junge, Junge, wenn das 2.000 Kilometer vorher passiert
wäre...