Vorwort
Ich hatte damals zwei Brieffreundinnen: eine in Bologna (namens
Bughatti und sogar verwandt mit diesem berühmten Namen), und eine in
Schwäbisch Gmünd. Wie ich an diese Brieffreundschaften gekommen war,
weiß ich allerdings nicht mehr...
Meinen
Freund Dieter (Diddi) konnte ich irgendwann dazu überreden, mit einer
Freundin meiner Schwäbisch Gmünder Brieffreundin Kontakt aufzunehmen:
Diddi war im Gegensatz zu mir kein Schreiberling und hielt es lieber
kurz; ich selbst war schon damals der Schreiberei verfallen: unter
sechs Seiten wurde kein Brief abgeschickt, in der Schule langte mir
kaum die Zeit bei den Klassenaufsätzen, und Tagebuch führte ich auch -
eher unüblich für einen so jungen Mann...
Irgendwann entschlossen wir uns, unsere Brieffreundinnen in Schwäbisch Gmünd zu besuchen!
Ich bin glücklich, dass ich damals einen winzigen Notizblock mitnahm
und meine Eindrücke in noch unausgegorener Schrift festhielt!
In
sehr kurzen Stichworten zwar, aber immerhin so, dass ich mich sogar
heute noch anhand dieser Notizen und der wenigen Fotos gut erinnern
kann; nur deswegen kann die folgende Erzählung so genau beschrieben
werden - im Jahre 2010, 40 Jahre später!
Hier ein kleiner Eindruck meiner damaligen "Zettelwirtschaft":

Diese
Eigenart des Führens eines Reisetagebuchs habe ich bis in mein "hohes"
Alter beibehalten; allerdings schrieb ich nach diesem ersten kleinen
Abenteuer etwas genauer und auch viel mehr in meine dann etwas größeren
Heftchen.
Ostersonntag, 30.3.1970 - Tag 1
Tolles
Frühlingswetter: die Forsytien blühten, die Temperaturen waren recht
lau; deswegen befand sich in unserem wenigen Gepäck sogar
Sommerfrischler-Ausrüstung; immerhin waren wir optimistische Männlein!
Diddi
kam pünktlich um 8 Uhr auf dem Parkplatz vor meinem Wohnblock an; wir
schnallten etwas Gepäck auf den dafür vorgesehenen Träger hinten am
Roller und hängten außerdem einen großen Proviantbeutel vorne unter den
Lenker; hinter die Verkleidung natürlich.
Dann eine
riesige Überraschung: meine Freundin Rosi hatte es sich nicht nehmen
lassen, mich zu verabschieden! Auf dem Parkplatz drückte sie mir einen
Kuss auf, der mich fast aus dem Sattel hinter Dieter warf (wir waren
schon so gut wie am Abfahren): nicht nur wegen der Heftigkeit, die die
nächsten Tage mit Sicherheit andauern würde, sondern vor allem, weil
meine Eltern natürlich oben aus dem Fenster zuschauten - die bis dato
noch nichts von Rosi wussten... Na ja, wir gingen ja erst seit zwei
Wochen miteinander... Sowas erzählt man doch nicht sofort zu Hause,
oder?
Zu allem Überfluss sah ich auch noch einige
grinsende Nachbarn hinter ihren Fenstern, so dass ich am liebsten in
den Boden versinken wollte. Stattdessen gab ich Diddi die Order: "Hauen
wir endlich ab!!"
Noch bevor ich das Klappvisier meines offenen Helms herunter schieben
konnte, bekam ich noch einen Schmatzer ab, dessen Aufprall Diddi mit
dem anrollenden Roller gerade noch so abfangen konnte. Manno, wie
peinlich!
Na ja, etwas stolz war ich natürlich auch... Schließlich war Rosi recht hübsch und sehr ansehnlich gebaut.
Nach
etwas über einer Stunde und 30 Kilometer später machten wir unsere
erste kurze Zigarettenpause. Weitere 12 Kilometer danach tankten wir
vorsichtshalber: ein ganzer Liter ging rein, für 75 Pfennig!
(*Einschub: für alle, die sich nicht mehr so richtig an Mark und
Pfennig erinnern können: das wären 38 Cent für Zweitaktgemisch; reines
Benzin kostete etwa 68 Pfennig, also rund 34 Cent...)
.....
Sigi, Diddi und der Roller nach unserer Ankunft


Hier demonstrieren wir unsere Nacht, und Sigi versucht das Gefühl mit dieser Alufolie auszuloten.

Diddi liegt mit Sommerfrischler-Montur Probe auf der Couch
und entscheidet sich dann spontan für die Liege im Vordergrund.
Rechts außerhalb des Bildes stand MEva.


Kurz vor der Abreise noch ein Blick auf die Landkarte
Nachsatz:
Die Rückfahrt war eisig kalt, wir schlotterten geradezu in unseren
unzureichenden Klamotten; die dünnen Handschuhe gefroren sogar
stellenweise, und unsere Nasen fühlten sich auch nicht besonders gesund
an: dunkles Blau/Rot würden Farbbilder zeigen, wenn wir welche gehabt
hätten.
Bis wir wieder die Rheinebene erreichten hassten wir - trotz aller
guten Erlebnisse - unseren Ausflug! Dort aber war es wieder Frühling,
mit guten 19 Grad, und wir vergaßen schnell die Strapazen.
495 Kilometer später und sieben Tage nach unserer Abfahrt durfte ich
meine Freundin wieder in den Arm nehmen, die sich überhaupt keine
Sorgen gemacht hatte; wie ich selbstverständlich auch nicht!
Ach
ja: auf dem letzten Bild erkennt man knapp ein Halstuch, das um meinen
Hals hängt (woch auch sonst?): Diddi trug das gleiche, wir nannten es
FT (Freundschaftstuch). Seit etwa drei Jahren trugen wir es bei jeder
gemeinsamen Unternehmung, auch wenn es nur ein Spaziergang war, und wir
sollten es noch viele weitere Jahre tragen! Meins habe ich heute noch
(2010): ausgebleicht, an den Rändern zerfastert, Löcher drinne; aber es
ist ein unersetzliches Erinnerungsstück!
